Eine Folge der ARD-Reportagereihe „POV – Deine Geschichte zählt“ zeigt am Beispiel einer 15-Jährigen aus dem Saarland aber auch: Die neue Freiheit hat ihren Preis.
Der Schulbus ist weg, der nächste kommt erst Stunden später – und die Eltern haben keine Zeit, schon wieder Taxi zu spielen. Was in der Großstadt meist mit einem Blick auf den Fahrplan gelöst ist, kann auf dem Land schnell zum Problem werden. Für Jugendliche bedeutet ein dünner ÖPNV schließlich nicht nur längere Wartezeiten. Er entscheidet mit darüber, ob sie Freunde treffen, zum Sport fahren oder ihren Alltag selbstständig organisieren können.
Wie unmittelbar das aussehen kann, zeigt die ARD-Reportage „Mobilität auf dem Dorf – Wenn der Bus nicht kommt„. Im Mittelpunkt steht die 15-jährige Leonie aus Ensheim im Saarland. Ihre Lösung für fehlende Verbindungen: ein eigenes Microcar. Moderatorin Helena Clear begleitet sie unter anderem zum Turntraining und zeigt, wie das kleine Fahrzeug ihren Aktionsradius verändert.
Die Folge ist Teil des 2026 gestarteten ARD-Formats „POV – Deine Geschichte zählt“ für Jugendliche, das gesellschaftliche und politische Themen aus der Lebenswelt junger Menschen erzählt. Produziert wird die Reihe von den Produktionsfirmen We Are Era und Kanakfilm im Auftrag der ARD unter Federführung des WDR. Isabelle Krämer führte Regie, Tobias Schiwek ist Produzent, die Redaktion beim WDR liegt bei Diana Aust.
Der konkrete Fall trifft dabei auf einen Trend, der längst über Leonies Alltag hinausgeht.
Microcars: Vom Nischenfahrzeug zum Trend
Leonie ist dabei längst kein Einzelfall. Ende 2025 waren in Deutschland rund 46.000 Microcars haftpflichtversichert, wie aktuelle Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zeigen. Drei Jahre zuvor waren es noch knapp 26.000. Der Bestand ist damit seit 2022 um fast 80 Prozent gestiegen. Allein 2025 kamen rund 8.000 Fahrzeuge hinzu.
Die bis zu 45 km/h schnellen Fahrzeuge treffen gerade für Jugendliche auf dem Land einen Nerv. Sie dürfen mit dem Führerschein der Klasse AM bereits ab 15 Jahren gefahren werden, schützen anders als Roller oder Moped vor Regen und bieten zumindest etwas Platz für Sporttasche oder Einkauf.
Deutschlandweit waren Anfang 2026 von 93.838 registrierten AM-Führerscheininhabern mehr als 76.000 jünger als 17 Jahre. Der Saarländische Rundfunk bringt den starken Anstieg auch mit der zunehmenden Popularität von Microcars in Verbindung.
Wenn der Wohnort über Mobilität entscheidet
Warum ein eigenes kleines Auto überhaupt so attraktiv wird, zeigen Zahlen der ADAC-Stiftung. Für ihre 2025 veröffentlichte Studie „Zwischen Frust und Freiheit: Mobilität junger Menschen“ wurden unter anderem mehr als 2.000 Menschen zwischen 16 und 27 Jahren befragt.
Das Ergebnis: In Orten mit weniger als 5.000 Einwohnern beurteilen lediglich 53 Prozent den ÖPNV von ihrem Wohnort aus als gut erreichbar. In Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern sind es 82 Prozent. Noch deutlicher werden die Unterschiede bei Sharing-Angeboten: E-Scooter-Sharing ist für 66 Prozent der jungen Menschen in Großstädten gut erreichbar, auf dem Land sind es gerade einmal 16 Prozent.
Überhaupt ist die Zufriedenheit überschaubar. Nur zehn Prozent der Gen Z zeigen sich mit der bestehenden Mobilitätssituation zufrieden. Bei der Wahl des Verkehrsmittels zählen für junge Menschen vor allem Schnelligkeit, Zuverlässigkeit und Kosten. Umweltfreundlichkeit spielt im Alltag eine deutlich kleinere Rolle. Das Auto bleibt deshalb gerade dort attraktiv, wo Alternativen fehlen. Die ADAC-Studie verweist ausdrücklich auf seine funktionale Bedeutung in ländlichen Räumen.
Unabhängigkeit für mindestens 10.000 Euro
Diese Antwort kann sich allerdings längst nicht jeder leisten. In der Reportage wird deutlich, dass ein Microcar häufig mindestens rund 10.000 Euro kostet. Dazu kommen Führerschein, Versicherung und laufende Kosten. Aus der Frage nach Mobilität wird damit schnell auch eine Frage nach finanziellen Möglichkeiten.
Wer sich ein solches Fahrzeug leisten kann, gewinnt mit 15 Jahren ein erhebliches Maß an Selbstständigkeit. Wer darauf angewiesen ist, dass Bus oder Bahn fahren, hat diese Wahl nicht.
Hinzu kommt die Sicherheit. Im vergangenen Jahr registrierten die Versicherer rund 2.300 Haftpflichtschäden mit Microcars. Das entspricht etwa 50 Schäden je 1.000 Fahrzeuge – trotz der auf 45 km/h begrenzten Geschwindigkeit ungefähr so viele wie bei Pkw. Gleichzeitig sind Airbags, elektronische Stabilitätsprogramme oder automatische Notbremsassistenten für Microcars nicht vorgeschrieben. Der GDV fordert deshalb strengere Sicherheitsanforderungen.
Damit zeigen die kleinen Fahrzeuge gleich zwei Seiten derselben Entwicklung: Sie schließen eine ganz konkrete Mobilitätslücke, machen aber zugleich sichtbar, dass diese Lücke überhaupt existiert.
Kommt die Alternative zum eigenen Microcar autonom?
Dass die Versorgung außerhalb der Ballungsräume inzwischen stärker in den Fokus rückt, zeigt auch ein aktueller Förderaufruf des Bundesverkehrsministeriums. Ende August stellte das BMV bis zu 14 Millionen Euro für Fahrzeuge mit autonomen Fahrfunktionen bereit. Ein Schwerpunkt liegt ausdrücklich auf dem öffentlichen Verkehr. Autonome Fahrzeuge könnten nach Vorstellung des Ministeriums gerade in ländlichen Regionen und städtischen Randlagen bestehende Angebote ergänzen und Versorgungslücken schließen.
Ob autonome Shuttles künftig tatsächlich dort fahren, wo heute der Bus fehlt, ist offen. Bis dahin bleiben Microcars für manche Familien eine pragmatische Lösung.
Die Geschichte von Leonie bringt damit auf den Punkt, worum es bei Mobilität auf dem Land häufig geht: nicht um die Wahl zwischen Auto, Bahn, Sharing oder Fahrrad – sondern zunächst darum, überhaupt eine Wahl zu haben. Das Microcar verschafft ihr diese Freiheit mit maximal 45 km/h. Die größere Herausforderung bleibt, sie auch jenen Jugendlichen zu ermöglichen, deren Familie kein zusätzliches Fahrzeug bezahlen kann.
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